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Medienhilfe-Info 2002-2: Seite 3
Veton Surroi, Herausgeber der Tageszeitung Koha Ditore, Prishtina
Medien im Kosov@ gestern, heute, morgen
Im Rahmen der Jubiläumsveranstaltung der Medienhilfe hat sich Veton Surroi mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Medien in Kosova auseinandergesetzt. Der folgende Text ist ein Auszug aus seinem Referat. Die vollständige Fassung findet sich auf unserer
Website.
Veränderungen brauchen Zeit. Alte Strukturen und Probleme tendieren dazu, sich zu erhalten oder nur ganz langsam zu verändern. Ein Witz zu diesem Thema: Ein Kosova-Albaner trifft seinen Freund. Er erzählt ihm, dass er gestern von der Polizei verprügelt wurde. Der Freund meint: ‘Aber ich dachte, dass wir heutzutage eine an-ständige, zivilisierte und demokratische Polizei haben!’ – ‘Heute vielleicht,’ antwortet der andere, ‘aber die Bullen von gestern waren ganz schön brutal!’
Unabhängige Medien haben im Kosov@ eine lange Tradition, die auf ihre Arbeit während der Unterdrückung durch das Milosevic-Regime zurückgeht.
Koha Ditore wurde z.B. 1987 gegründet. Was taten wir damals?
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Offene Information: In einer Gesellschaft im ‘Belagerungszustand’ widerspiegeln die Medien oft die Meinung der dominierenden politischen Kräfte. Es herrscht die Tendenz zu einer ‚monolitischen Weltsicht’, die durch den
‘Widerstandsgeist’ geprägt wird. Das ist aber keine journalistische Haltung, denn sie lässt keine Kritik zu. In Kosova hiess dies, dass die meisten Medien die Sicht der Liberaldemokratischen Partei LDK von Rugova teilten, der den Albanern sagte, dass die serbische Herrschaft bald vorbei sei und alles von alleine gut werden würde. Aber nichts wurde gut, und wir konfrontierten die Leute mit dieser Tatsache. (...) Wir waren also nicht nur gegenüber dem Milosevic-Regime kritisch eingestellt, sondern auch gegenüber
unserer eigenen politischen Elite.
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Regionaler Kontext: In einer Gesellschaft, die für ihre Autonomie kämpft, konzentrieren sich die Menschen auf ihre Probleme und nehmen die Probleme anderer überhaupt nicht wahr.
Koha Ditore versuchte, die eigene Situation in den regionalen Kontext einzubetten. Wir informierten unsere Leserschaft über die Krisen und Kriege in Kroatien, Bosnien, Mazedonien. Alle diese Konflikte hängen zusammen. (...) Wir haben versucht, ein Bild der regionalen Gesamtsituation zu vermitteln.
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Internationaler Kontext: Wenn eine Gesellschaft unter Druck steht, (...) meinen die Leute, ihre Probleme und Leiden seien das Wichtigste auf der Welt. Da wir während der grossen Fluchtwelle und den Nato-Bombardierungen für ein paar Monate wirklich im Zentrum der Aufmerksamkeit standen, warten die Menschen nun darauf, dass der Präsident der Vereinigten Staaten sich eines morgens vom Frühstückstisch erhebt und die Unabhängigkeit für Kosova deklariert. Aber das wird nicht geschehen. Die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit hat sich schon wieder neuen Konflikten zugewendet: Afghanistan, Palästina und Israel. (...) Das haben wir unseren Lesern nahegebracht.
Mit der Nato-Bombardierung wurde ein Strich unter unsere Vergangenheit gezogen. (...) Heute sehen wir uns neuen Herausforderungen gegenüber, oder besser gesagt, den alten in einer neuen Gestalt. Momentan fordern uns drei Entwicklungen besonders heraus:
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Weiterhin wird politischer Druck auf Medien ausgeübt. Die Beziehungen mit den neuen Behörden sind ziemlich angespannt, v.a. wenn eine Zeitung diese nicht blind unterstützt, sondern auch kritisiert. Das gilt auch für die internationale Administration, deren Mitglieder ebenfalls gerne Kontrolle über Information ausüben.
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In einer Gesellschaft, in der nur noch die ethnische Identität zählt, ist es sehr schwierig, die eigene journalistische Identität zu wahren. Wie kann ein Journalist/eine Journalistin sich zu seiner/ihrer Nationalität bekennen und trotzdem un-abhängig und objektiv bleiben, ohne sich von ethnischen Kategorien vereinnahmen zu lassen?
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Die dritte Gefahr droht von der neu entstandenen wirtschaftlichen Elite. Die völlig ungeregelte Marktwirtschaft im Kosova funktioniert wie ein ‘Wild-West-Kapitalismus’. Bei uns haben erfolgreiche Geschäftsleute nicht in Harvard studiert, sondern sind im Zigaretten-Schmuggel zu Geld gekommen. Diese neuen ökonomischen Eliten üben Einfluss auf die bestehenden Medien aus oder gründen einfach neue. Auch der politische Einfluss wird mehr und mehr mit wirtschaftlichen Mitteln ausgeübt, z.B. durch Druck auf Firmen, damit diese ihre Werbeaufträge nur noch an bestimmte Medien vergebe – oder durch Steuern (die einzigen Medien, die im
Moment Steuern zahlen, sind die privaten Medien).
Im Kosova, aber auch in Serbien und anderswo, war und ist die Zivilgesellschaft den politischen Institutionen weit voraus. Die Medien bilden einen wichtigen Bestandteil dieser Zivilgesellschaft. Sie waren ihre Vorreiter. Indem sie sowohl gegenüber den alten wie auch den neuen Behörden eine kritische Haltung einnehmen, fördern sie den Prozess der Demokratisierung und des Neuaufbaus von Institutionen. Der Kampf für unabhängige Medien trägt ist ein wichtiges Moment im Kampf für eine demokratischere Gesellschaft zu entwickeln. Natürlich ist es viel leichter, eine gute Zeitung aufzubauen als ein gutes Parlament. Aber ohne eine gute Zeitung wird es nie ein gutes Parlament geben, denn Medien sind die Wächter der Demokratie.
Medien spielen auch im Versöhnungsprozess eine wichtige Rolle. Sie sind fähig, die Grenzen des Hasses zu durchbrechen, die Wahrheit ans Licht zu bringen und grundlegende Tatsachen über die Vergangenheit bekannt zu machen. Medien können Tabus brechen und über Grenzen hinweg zusammenarbeiten. Die Kooperation von Medien aus verschiedenen Ländern der Region kann dazu beitragen, die alten Feindseligkeiten zu überwinden. Unser Fernsehen
Koha Vision arbeitet z.B. mit RTV B92 aus Belgrad zusammen an einem Projekt über das Massaker von Suva Reka. Wir alleine könnten diesen Dokumentarfilm niemals drehen, denn die Leichen wurden nach Serbien gebracht. Auf der anderen Seite wäre es für einen serbischen Journalisten nicht möglich, in Kosova zu arbeiten. Durch eine Zusammenarbeit können wir beide Seiten zeigen und der Wahrheit somit ein Stück näher kommen.
Veton Surroi, Koha Ditore
Übersetzung vma
source: Medienhilfe
published by: Vanda Mathis vma@medienhilfe.ch
date of release on this site (DD/MM/YY): 8/5/2002
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