Medienhilfe-Info 2002-2: Seite 4
Der Fall 
Zwei Gerichtsurteile, das kroatische Satiremagazin Feral Tribune betreffend, sorgten im März 2002 für Aufsehen – im Ausland beinahe mehr als in Kroatien. Unabhängige, kritische Medien stehen auch zwei Jahre nach der Abwahl des alten Regimes in Kroatien noch immer unter Druck.
Die weltweit bekannte kroatische Zeitschrift Feral Tribune mit Sitz in Split stand am Rande des finanziellen Ruins. Während der letzten neun Jahre musste
Feral gut eine Million D-Mark Schmerzensgelder an “geschädigte Parteien” bezahlen. Gegen 90 Verfahren, die auf Klagen aus der Zeit unter Präsident Franjo Tudjman zurückgehen, sind weiterhin hängig.
Im Februar und März fällte nun ein Gericht in Zagreb in zwei Prozessen die Urteile und verhängte eine Busse von 40'000 Franken über die Zeitschrift. Am 4. März wurde das Bankkonto von Feral blockiert und damit ihr Erscheinen in Frage gestellt
Verurteilt wegen Kosmopolitismus
Der erste Fall betrifft Marica Mestrovic, die Tochter des berühmten Bildhauers
Ivan Mestrovic, die wegen eines 1998 publizierten Artikels Klage gegen Feral eingereicht hatte. Der prominente Kunstkritiker und Universitätsprofessor
Zvonko Makovic zweifelte darin ihre Fähigkeiten an, die Mestrovic-Stiftung und das Erbe ihres Vaters angemessen zu verwalten. Zwar sprach das Gericht den Verfasser des Artikels von jeder Schuld frei, denn sein Beitrag sei eine annehmbare Form öffentlicher Kritik. Der Herausgeber von
Feral Tribune wurde hingegen wegen Ehrverletzung zu einer Busse verurteilt!
Im zweiten, 1993 erschienenen Artikel kritisierte Feral-Redaktor
Viktor Ivancic die anti-semitische und faschistische Haltung von Zeljko
Olujic, von dem Aussagen stammen wie “Die Juden haben den Holocaust selbst verschuldet, weil sie andere Völker ge-plündert und beleidigt haben” oder “Die Ustaha waren keine Faschisten”. Das Gericht befand den Feral-Redaktor für schuldig, “kosmopolitische Ansichten und Meinungen wiedergegeben” zu haben!
Die Urteile legitimieren die Zensur. Wie das Gericht festhält, beruhen die Verurteilungen nämlich nicht auf dem Sachverhalt der Artikel, sondern auf der “unangemessenen Art” der Darstellung. In einer Stellungnahme von
Feral heisst es dazu: “Die politisch motivierte Verfolgung durch Gerichte, wie sie unter Tudjman angewendet wurde, hat auch nach dem demokratischen Wandel in Kroatien nicht aufgehört, sie wurde sogar erneut möglich gemacht. Das neue Establishment stoppte die Verfolgung unabhängiger Medien nicht, im Gegenteil scheint es, dass die neuen Behörden diese sogar unterstützt.”
Während das eigene Land dem Magazin in den letzten zehn Jahren etliche Klagen, Gerichtsverfahren und Bussen beschied, verlieh ihm das Ausland Anerkennung und Preise.
Feral trug entscheidend zum Sturz des Tudjman-Regimes bei. Bei einer von Premierminister
Racan organisierten Preisverleihung für Personen, die sich um den demokratischen Wandel verdient
gemacht haben, wurde das Magazin jedoch übergangen. Dass Feral Tribune der heutige Regierung genauso auf die Finger schaut und sie oft mit ebenso bösem Humor auf die Schippe nimmt, wie zuvor das frühere Regime, hat ihr auch unter den “Demokraten” wenige Freunde geschaffen.
Die Gerichtsurteile lösten eine breite Solidarität aus. In Kroatien verteidigten der
kroatische JournalistInnen-Verband, das Helsinki Komitee für Menschenrechte und das
lokale PEN-Zentrum das Magazin. NGO organisierten Benefiz-Konzerte und sammelten Spenden für
Feral Tribune. Selbst Staatspräsident Stipe Mesic besuchte eine solche Veranstaltung und spendete einen kleinen Betrag.
In Serbien riefen RTV B92 und die Vereinigung unabhängiger elektronischer Medien ANEM zu einer Solidaritätskampagne in der Region auf und sammelten Spenden, um das Erscheinen der nächsten Ausgaben sicherzustellen. Aber auch international erfuhr
Feral Tribune Solidarität: Adrian White, Generalsekretär der International Federation of Journalists
IFJ, wandte sich in einem Brief an Kroatiens Premier Racan, ebenso wie
Reporter ohne Grenzen. Internationale Partnerorganisationen der Medienhilfe, die im Bereich Medienunterstützung tätig sind, konnten
Feral Tribune mit Hilfe ihrer jeweiligen Regierung unter die Arme greifen und mit Überbrückungskrediten die Herausgabe der Zeitschrift sichern, während die Bankkonten blockiert waren. Auch die
Medienhilfe wurde mit einer entsprechenden Anfrage bei der Schweizer Regierung vorstellig. Leider konnte man sich hier nicht zu einer Unterstützung entschliessen, weil man die guten Beziehungen mit Kratien nicht gefährden wolle...
Inzwischen ist es gelungen, für die finanziell in Bedrängnis geratene Zeitschrift eine internationale Auffanggesellschaft zu gründen. Da die Geldgeber keine kommerziellen Interessen verfolgen, scheint das weitere Erscheinen von
Feral Tribune gesichert – und die Zeitschrift wird die LeserInnen weiterhin mit politischen Analysen und schonungslosem Humor auf die Missstände in Kroatien aufmerksam machen können.
Vanda Mathis
source: Medienhilfe
published by: Vanda Mathis vma@medienhilfe.ch
date of release on this site (DD/MM/YY): 8/5/2002
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