medienhilfe

Friedensförderung durch Brücken der Verständigung
Peace Building through Bridges of Communication

 

 

 

Medien als Brücken der Hoffnung

Abschlusserklärung der Arbeitsgruppe Medien an der Tagung „Hoffnung auf dem Balkan – Voix d’Europe“, Zürich, 17.-19. September 2004

Die Menschen auf dem Balkan, aber auch die Menschen aus dem Balkan, die hier in der Schweiz leben, schauen in die Zukunft. Sie hoffen auf eine Zukunft, die anknüpfen kann an die besseren Zeiten, die diese Region vor den Kriegen der 90er-jahre gesehen hat.

Der Blick in die Zukunft ist aber immer noch geprägt von den Sorgen der Gegenwart. Und er wird häufig verstellt durch die Erlebnisse der Vergangenheit.

Zukunft kann nur entstehen, wo die Vergangenheit verarbeitet wird, wo aus ihr gelernt wird. Die Schweiz weiss dies gut, musste sie doch selber schmerzhaft die Jahre des Zweiten Weltkrieges aufarbeiten und sich selber mit ihren Taten und Untaten auseinandersetzen.

Brücken in die Zukunft werden von Menschen gebaut, die sich der Vergangenheit bewusst sind, die sich ihr stellen. Die Menschen, die Gesellschaften als ganzes, die politischen Institutionen müssen sich mit dieser Vergangenheit auseinandersetzen, um wieder zueinander zu finden. Die Fragen, was genau geschehen ist, wer für was verantwortlich ist, was im Namen von wem begangen wurde, diese Fragen sind noch nicht beantwortet und damit immer noch offen. Solange diese Fragen aber offen bleiben, dauert der Krieg an. Nachhaltiger Friede wird erst entstehen, wenn der Krieg in den Köpfen beendet ist. Versöhnung zwischen Völkern, Ländern und vor­herigen Kriegsparteien kann nur aber geschehen, wo Menschen sich mit sich selber und mit ihrer eigenen Geschichte versöhnen können.

Die Gäste aus dem ehemaligen Jugoslawien haben sich diesen Fragen und der Verantwortung der eigenen Seite während der Kriegsjahre gestellt und sie stellen diese Frage weiterhin. Die anwesenden Medienschaffenden waren und sind Teil dieser Kräfte, die unermüdlich ihre Gesell­schaften und politischen Institutionen mit diesen unbequemen Fragen konfrontieren.

Medien können Gesellschaften entzweien, indem sie Vorurteile verbreiten, Feindbilder schaffen, Hass säen. Medien können aber auch Brücken der Verständigung sein, die Menschen miteinander ins Gespräch bringen und die der Gesellschaft helfen, sich besser mit sich selber auseinanderzusetzen.

Die anwesenden Medienschaffenden haben sich dieser Aufgabe verschrieben. Sie haben eine Mission, die über den reinen Nachrichten-Journalismus hinausgeht. Sie verstehen sich als verant­wortungstragende Teile ihrer Gesellschaft. Am Workshop Medien im Rahmen dieser Konferenz „Hoffnung auf dem Balkan“ haben sie darüber gesprochen, wie sie dies tun, wo sie Erfolge ausweisen können, aber auch wo sie Unterstützung brauchen.

Ich will versuchen, kurz die wichtigsten Punkte festzuhalten, die gestern diskutiert und -erarbeitet wurden:

·        Versöhnungsarbeit geschieht in einem sehr dynamischen und komplexen Umfeld. Die Transition und Transformation von Wirtschaft, Gesellschaft und Staat ist bei weitem nicht abgeschlossen. Wirtschaftliche Probleme und Arbeitslosigkeit, Demokratiedefizite und gesellschaftliche Werte verbauen den freien Blick in die Zukunft weiterhin.

·        Versöhnungsarbeit kann nicht alleinige Aufgabe der Medien sein. Medien sind ein Teil eines Prozesses, der die ganze Gesellschaft und die politischen Institutionen einbeziehen muss. Versöhnung braucht umfassende Kampagnen, in denen Medien mit der Zivilgesellschaft und hoffentlich auch mit staatlichen Akteuren zusammenarbeiten, um so wirklich tiefgreifende Debatten in der Gesellschaft auszulösen.

·        Die Institutionen (Staat, Schule, aber auch Kirche usw.) verweigern sich diesem Prozess weiterhin. Den Gesellschaften ihrerseits fehlt eine Kultur des Dialoges. Den Parteien und Politiker ist ihre Machterhaltung wichtiger als der grenzüberschreitende Dialog und die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Gesellschaft.

·        Die alten Staatsmedien, die auch heute noch weitgehend von politischen Machthabern kontrolliert werden, weigern sich standhaft, zu einer kritischen Aufarbeitung der Vergangenheit beizutragen, oder auch nur schon solche Beiträge auszusenden. Oft müssen Medienschaffende erbittert darum kämpfen, überhaupt Zugang zu Quellen­material und Archiven zu erhalten.

·        Versöhnungsarbeit braucht Kontinuität. Versöhnung ist kein Quick-Fix, der mit zwei Zeitungsartikeln und drei Fernsehbeiträgen erreicht werden kann. Die Arbeit muss weitergehen, auch wenn der offene Konflikt beendet ist.

·        Die internationale Gemeinschaft ist allzuoft mit halben Schritten zufrieden. Kaum ist ein Waffenstillstand erreicht oder eine unliebige Regierung abgewählt, schon wähnt man das Problem als gelöst und es verschwindet aus den westlichen Medien. Damit verschwindet oft auch die Unterstützung für Prozesse, die eben erst begonnen haben. Der Umbau von Staat, Politik und Wirtschaft muss weitergetrieben werden, sollen die Gesellschaften nicht wieder in die Löcher der Vergangenheit fallen. Und dazu braucht es anhaltende und nachhaltige Unterstützung aus dem Ausland, aber auch internationalen Druck auf die jeweiligen Regierungen. (Teilnehmer: „The Balkans are an unfinished business“)

·        Als konkrete Unterstützung aus der Schweiz erhoffen sich die anwesenden Medien­schaffenden aus dem Balkan

o       Politische und finanzielle Unterstützung für lokale, autochtone Produktionen, d.h. für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit lokaler Medien, die seit Jahren beweisen, dass sie diese Aufgabe ernst nehmen. Solche aufwändige Produktionen sind nicht über Werbeeinnahmen finanzierbar – selbst in den wohlhabenden Ländern Westeuropas werden sie subventioniert. Möglich wäre dies z.B. über einen internationalen Produktionsfonds, zu dem die Schweiz einen Beitrag leistet

o       Eine gleichbereichtigte Zusammenarbeit und Partnerschaft mit Schweizer und allgemein westlichen Medien (Co-Produktionen usw.)

o       Eine faire, ausgewogene Berichterstattung in westlichen Medien, die den Balkan nicht nur als Herd von Krisen, Verbrechen, Schmuggel usw darstellen, sondern auch die Menschen und ihre Hoffnungen berücksichtigen.

Vergeben heisst nicht vergessen. Um vergeben zu können, müssen wir uns erinnern. Um für die Zukunft lernen zu können, müssen wir uns mit dem Geschehenen auseinandersetzen.

Ich bewundere den Mut und das Engagement der anwesenden Gäste aus dem Balkan, sich diesen unbequemen Fragen zu stellen und die Gesellschaften damit zu konfrontieren.

Ich bewundere dies um so mehr, als ich weiss, wie schwer sich die Schweiz mit ihrer eigenen Vergangenheit getan hat und zum Teil heute noch tut.

Ich wünsche ihnen viel Glück und Erfolg in dieser Arbeit und ich hoffe, dass sie dabei aus der Schweiz alle mögliche Unterstützung erhalten werden.

Unser Dank gilt den Organisatoren dieser Tagung, der Europäischen Kulturstiftung und vor allem Herrn Jacques Pilet als Initianten, für die Möglichkeit, diese Anliegen hier in der Schweiz platzieren zu können.

 

Roland Brunner, medienhilfe

News & Updates

mh-info

Partners & Projects

Mailinglist

suchen / search

go to top

medienhilfe, P.O. Box, CH-8031 Zürich, Switzerland
Phone +41-1-272 46 37,  Fax +41-1-272 46 82, email: info@medienhilfe.ch