medienhilfe

Friedensförderung durch Brücken der Verständigung
Peace Building through Bridges of Communication

 

 

 

Artikel in der Berner Uni-Zeitschrift foliage, April 2004, von Leonidas Bieri

Wenn Medien Feuer legen – Gedanken zum Kosovo-Konflikt

Laut OSZE-Bericht ist der Ausbruch der schweren Krawalle mitte März im wesentlichen das Verschulden kosovarischer Sendeanstalten. Durch die jüngsten Ereignisse wurde die multi-ethnische Zukunft des Kosovo einmal mehr in Frage gestellt. Es gibt aber auch Wege, wie Medien entzweite Völker einander wieder näher bringen.

 “Es muss [...] unterstrichen werden, dass die Medien, insbesondere die elektronischen, ein unzulässiges Niveau an Emotionen, Voreingenommenheit, Sorglosigkeit und falsch angewandtem patriotischem Eifer demonstrierten. Die Berichterstattung der wichtigsten kosovarischen Fernsehsender am Abend des 16. März verdient schärfste Kritik.” So lautet der Bericht des OSZE-Beauftragten für Medienfreiheit Miklos Haraszti. Für ihn ist klar: “Die Krawalle im März in Kosovo wären nicht so intensiv und brutal gewesen, wenn die Berichterstattung der Medien nicht verantwortungslos gewesen wäre”.

 Zweifelhafte Quellen

Was ist geschehen? Am 16. März 2004 hielt sich eine Gruppe von sechs albanischen Jungen auf der serbischen Seite des Flusses Ibar in der Nähe von Mitrovica auf. Als serbische Jugendliche mit einem Hund sie zu beschimpfen begannen, rannten diese weg. Vier der Knaben sprangen in den Fluss, drei ertranken.

Halit Berani, Leiter des “Council for the Defence of Human Rights and Freedoms”, verbreitete nach einem Interview mit dem vierten Jungen über die Agentur Associated Press (AP) eine Version, nach der die albanischen Kinder von serbischen Jugendlichen mit Hunden gezielt in das eiskalte Wasser gehetzt worden seien.

Diese verfälschte, einen ethnisch motivierten Kindermord unterstellende, Wiedergabe des Interviews wurde sofort übernommen. Medien wie die öffentliche und durch internationale Gelder finanzierte Anstalt Radio Television Kosovo (RTK 1) und andere, auch westliche Stationen, gaben der Tragödie erst den Charakter eines ethnisch motivierten Verbrechen. Es wurde nicht kritisch recherchiert, sondern hetzerisch dramatisiert.

Zu erwähnen ist, dass Berani schon während des Kosovo-Krieges 1999 über internationale Sender wie Voice of America Gerüchte verbreitete, wonach Serben bei den Minen von Trepca hunderte Albaner in Hochöfen kremieren würden. Noch im gleichen Jahr entlarvte das Wall Street Journal die Berichte als Propagandalüge. Berani jedoch wies jede Verantwortung von sich.

 Inszeniertes Pogrom

Als es am Abend des 16. März zu kleineren friedlichen Protesten gekommen war, berichteten Radiostationen schon von einer “albanischen Volkserhebung gegen das serbische Verbrechen”. Dies heizte die Stimmung im Kosovo einem Katalysator gleich an. Die von der OSZE bezweifelte Version vom serbischen Kindermord war das Startsignal für ein zweitägiges Pogrom gegen Serben und andere Minderheiten im Kosovo. Die gewalttätigen albanischen Massendemonstrationen, an denen sich im Verlaufe bis zu 60`000 meist junge Männer beteiligten, sind mit grosser Wahrscheinlichkeit vorbereitet und orchestriert worden. 600 Gebäude wurden zerstört, davon gingen Dutzende Kirchen, Hospitäler und Schulen in Flammen auf. Knapp 900 Personen wurden verletzt, 30 ermordet und 4000 vertrieben. Ohne ihrer Aufgabe gerecht zu werden, hatten sich die zum Schutze der Minderheiten präsenten KFOR-Einheiten vor dem anrückenden Mob zurückgezogen.

Der Bevölkerung wurde nicht klar gemacht, dass es sich beim Tod der drei Jungen nicht zwingender Massen um ein ethnisches Verbrechen handelte. Die Medien riefen nicht zur Besonnenheit auf, sondern berichteten über die massiven rassistischen Übergriffe auf die Minderheiten oftmals in rechtfertigender und unterstützender Form.

 Wie weiter?

Fünf Jahre nach dem “humanitäre Intervention” genannten NATO-Krieg gegen  Serbien, ist der Kosovo weit davon entfernt ein Ort friedlichen, multi-ethnischen Zusammenlebens zu werden. Da nützt es dem Westen wenig, die Schuld allein auf albanische Politiker und Medien abschieben zu wollen. Die internationale Gemeinschaft hat selbst kein Lösungskonzept für den Kosovo-Konflikt. Lange Zeit hat der Westen den albanischen Ethno-Chauvinismus gestärkt und falsche Hoffnungen geweckt. Heute scheint es so, als liessen sich die gerufenen Geister nicht mehr kontrollieren.

Den Medien käme eine informierende und aufklärende Rolle als tragendes Element einer demokratischen Gesellschaft zu. Dass das Recht auf freie Meinungsäusserung nun von Scharfmachern missbraucht wird, ist leider symptomatisch für das politische Klima.

 Aber noch lange nicht jeder lässt sich von der ethnischen Hetze mitreissen. In Harasztis Bericht wurden auf Grund ihrer kritischen Haltung speziell die Tageszeitungen Zeri und Koha Ditore positiv erwähnt. Veton Surroi, der einflussreiche Redaktor und Verleger der letzteren, verfasst immer wieder Artikel, die nicht davor zurückschrecken, den Finger auf den wunden Punkt zu legen und die albanische Gesellschaft mit heiklen Fragen zu konfrontieren. Nur ist die Reichweite dieser Publikationen auf städtische Schichten und Regionen beschränkt und haben niemals die unmittelbare und flächendeckende Wirkung wie Radio und Fernsehen.

 Der UÇK-Kommandant und die Serbin

Noch einen Schritt weiter geht das Cross-ethnic radio programming in Kosov@ (CerpiK). Das Projekt wurde von Internews Kosova und der medienhilfe (siehe Interview) auf die Beine gestellt und ist seit September 2002 auf Sendung.

Einmal die Woche treffen sich in Pristina die Redaktoren und Redaktorinnen 11 lokaler Radiostationen. Die Mitarbeiter kommen aus allen Regionen und vertreten die verschiedenen ethnischen Gruppen des Kosovo. Gesendet wird in Albanisch, Bosniakisch, Serbisch und Türkisch.

Der Weg aus den Regionen zum wöchentlichen Treffen ist auf Grund der Sicherheitssituation gefährlich. Auf UNMIK-Schutz waren die Mitarbeiter jedoch nie angewiesen, da die albanischen Mitarbeiter ihre Kollegen aus den Minderheiten-Enklaven persönlich abholen. So empfängt zum Beispiel Jamil, der ehemalige Kommandant einer UÇK-Sondereinheit an der Brücke der geteilten Stadt Mitrovica seine serbische Kollegin Valentina und chauffiert sie nach Pristina.

Der Programmschwerpunkt betrifft nicht die grosse internationale Politik oder die inter-ethnischen Spannungen. Das Hauptziel des Projektes ist es, den einzelnen Bevölkerungsgruppen klar zu machen, das der Feind die selben Probleme und Sorgen des alltäglichen Lebens teilt und unter Umständen eine Lösung durch Zusammenarbeit erreichbar wäre. Die miserable Stromversorgung, der Drogen- und Menschenhandel, die steigenden Lebensmittelpreise aber auch der stockende Dialog zwischen Pristina und Belgrad und die Möglichkeiten ihn wieder in Gang zu bringen, werden thematisiert.

Das Konzept ist einzigartig im Kosovo und findet eine starke Resonanz in der Bevölkerung.

“Dieses Projekt zeigt und beweist, dass die Menschen sich gegenseitig respektieren können... Ich bin persönlich beeindruckt von der Zusammensetzung eures Projektes, das die VertreterInnen aller Gemeinschaften einschliesst”, sind des kosovarischen Premierministers Bajram Rexhepis anerkennende Worte anlässlich eines Redaktionsbesuches.

 Aber die Ereignisse im März sind ein schwerer Rückschlag für alle, die an einer respektvollen Koexistenz der Bevölkerungsgruppen arbeiten. Die Bewegungsfreiheit der Mitarbeiter ist wieder stark eingeschränkt und man stellt sich die Frage, was mit einer wöchentlichen Sendung überhaupt zu erreichen ist. Es gibt viel Frustration, aber Resignieren kann man nicht. Denn was wäre die Alternative?

Solange sich einige Medienschaffende ihrer Verantwortung und Rolle als unabhängige und kritische Stimmen bewusst sind und sie nationalistischem Geschrei und hetzerischer Propaganda Stirn bieten, besteht ein Fundament für den Aufbau einer Gesellschaft, die fähig ist Konflikte über Diskussion und Konsensfindung zu lösen.

  

  erschienen im  foliage: Zeitschrift der Fachschaft Medienwissenschaft, Heft 4, Mai 2004

published by: Daniela Mathis dma@medienhilfe.ch date of release on this site 09/06/04 

 

News & Updates

mh-info

Partners & Projects

Mailinglist

suchen / search

go to top

medienhilfe, P.O. Box, CH-8031 Zürich, Switzerland
Phone +41-1-272 46 37,  Fax +41-1-272 46 82, email: info@medienhilfe.ch