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KLARTEXT NR, 4/ 2003
Rrommedia. net
Sendungen vom Rand
Eigene Medien sollen den marginalisierten Roma in Osteuropa zu mehr
Selbstbewusstsein verhelfen. Soros-Stiftung und Medienhilfe leisten
Unterstützung. Von Max Akermann.
Am 7 . April dieses Jahres warteten die HörerInnen von Radio C
vergeblich auf die gewohnten Nachrichten. Die Radiostation für die Roma von
Budapest war pleite und sen-dete nur noch Musik. Dabei schien Radio C -das C
steht für Cigani, Zigeuner - endlich auf dem Weg zu einer Erfolgsgeschichte zu
sein. Nach zehnjähriger Vorarbeit, mühsamer Suche nach Geldgebern und hartem
Kampf um eine Frequenz ging die Radiostation am 8. Oktober 2001 endlich auf
Sendung. Seither hatte sich Radio C zu einem Vorzeigeprojekt der ungarischen
Roma entwickelt. Das 24-Stunden-Programm mit viel Musik, aber auch mit
Nachrichten und Hintergrundbeiträgen kam an.
Erfolg im Äther, aber Ebbe in der Kasse
Radio C legte ständig zu: an Hörerschaft, Professionalität und auch an
Beschäftigten. Zuletzt arbeiteten 48 Leute im schmucken Studio am Budapester
Teleki-Platz, 34 da-von Roma. Sie bearbeiteten vorwiegend, aber nicht
ausschliesslich, Roma-Themen und dies zweisprachig: Ungarisch und Romanes.
Selbst von offizieller Seite gab es Lob für das ,, Zigeuner-Radio", doch den
warmen Worten folgten wenig Taten. Gera-de mal 10 Prozent des Radio-C-Budgets
wurde vom Staat gedeckt, umgerechnet et-wa 70000 Schweizer Franken. Die
Betreiber hatten mit wesentlich mehr gerechnet und so kämpfte man von Anfang an
mit enormen Geldproblemen. Oft warteten die Angestellten monatelang auf ihre
Löhne, und als man im Frühjahr Kassensturz machte, hatte sich ein Schuldenberg
von 70 Mio. Forint angehäuft, rund 420'000 Franken. Das bedeutete das vorläufige
Ende. Radio C ist der Rolls Royce unter den Roma-Sendern in Mittel-und
Südosteuropa. Dass selbst dieses Prestigeprojekt derartige Probleme hat,
illustriert die schwierige Lage der Roma-Medien allgemein. „Praktisch alle
Sender und Agenturen leben von der Hand in den Mund, wissen heute noch nicht,
wie sie die Rechnungen morgen be-zahlen sollen und leiden deshalb auch unter
einer grossen Personalfluktuation", sagt Nena Skopljanac,
Progranimverantwortliche der Medienhilfe. „Eine solide Basis, ein stabiles
Umfeld sind für eine effektive Me-dienarbeit aber unerlässlich. Dies zu
schaffen, ist ein Ziel von Rrominedia. net." Rrommedia. net heisst das
gemeinsame Projekt des Open Society Institut (OSI) in Budapest und der
Medienhilfe in Zürich. Es soll sowohl Radio-und Fernsehstationen wie auch
Nachrichtenagenturen von Roma in Mittel-und Südosteuropa unterstützen, sowie
Hilfe leisten beim Aufbau eines Roma-Medien-Netzwerkes. Das OSI, gegrün-det und
finanziert vom ungarisch-stämmigen Milliardär George Soros, arbeitet seit Jahren
mit Roma in ganz Mittel-und Südosteuropa zusammen. Sein „Network Me-dia Program"
hat immer auch Roma-Medien unterstützt und verfügt über ausgezeichnete Kontakte
in der ganzen Region. Auf dieser Vorarbeit können Nena Skopljanac und Peter
Kasser von der Medienhilfe auf-bauen, die die Koordination und die praktische
Arbeit von Rrommedia. net überneh-men. Für die nächsten zwei Jahre stehen ihnen
dafür 600'000 US-Dollar zur Verfügung. Das Geld kommt zum grossen Teil vom OSI.
Ein Drittel der Projektkosten übernimmt aber auch die Eidgenossenschaft,
konkret die Politische Abteilung IV des EDA. Diese beschränkt ihre Tätigkeit in
der Region allerdings auf Serbien, Bosnien, Mazedonien und Kosovo. Da
Rromme-dia. net aber auch in acht weiteren Ländern der Region (Kroatien,
Slowenien, Tschechi-sche Republik, Slowakei, Ungarn, Bulgarien, Rumänien und
Ukraine) Aktivitäten plant, hofft Nena Skopljanac auf zusätzliche Gelder von der
DEZA (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit), besonders von der Abteilung
für die Zusammenarbeit mit Osteuropa. Geld könnte Rrommedia. net gut gebrauchen.
Kontakte bestehen zu über 20 potenziellen Projektpartnern. Es sind
beispiels-weise Roma-Presseagenturen in Tschechien, der Slowakei und Ungarn,
Radiostatio-nen wie Radio Voice of Roma in Belgrad und Radio Ternipe in Prilep
oder auch Roma-Lokalfernsehen in Bulgarien, Mazedo-iiien und Serbien. 300000
US-Dollar im Jahr sind da schnell aufgebraucht. Mindestens fünf Mal so viel
würde man benötigen, um die gesetzten Ziele zu erreichen, glaubt Nena
Skopljanac: „Zwei Mal pro Jahr sollen Vertreterinnen und Vertreter aller von uns
unterstützten Medien zusammenkommen, erstmals im September in Ohrid, Mazedonien.
Dort geht es schwergewichtig um den Aufbau eines grenzüberschreitenden
Informationsnetzwerkes der beteiligten Roma-Medien. Zweitens können wir die
einzelnen Projektpartner direkt unterstützen, zum Beispiel mit Ausbildung in
Journalismus, Management oder in neuen Technologien. Wir können Beratung bieten
in der Programmentwicklung, aber auch im Fundraising. Möglich ist auch eine
begrenzte finan-zielle Unterstützung für den Kauf von technischen Geräten, aber
nur Geld verteilen wollen wir nicht. Es geht vor allem um inhaltliche
Kompetenz."

Bild: Radio C, die Radiostation für die Roma in Budapest, produziert auch für
das staatliche Radio.
Roma gerieten zwischen alle Fronten
Diese Kompetenz haben sich die Leute der Medienhilfe in den vergangenen elf
Jahren angeeignet. Gegründet 1992 als Medienhilfe Ex-Jugoslawien, setzt man sich
seither für einen unabhängigen und multiethnischen Journalismus ein. Vor drei
Jahren begann die Medienhilfe, in Serbien Projekte der Roina-Minderheit zu
unterstützen. Obwohl die Roma nicht aktiv an den Kriegen betei-ligt waren,
litten sie nämlich besonders stark. Sie wurden von allen Seiten mal
ver-einnahmt, mal bekämpft, gerieten zwischen alle Fronten -ein Platz, den die
Roma ken-nen. Sie sind zwar ein 10-Millionen-Volk, haben aber keinen eigenen
Nationalstaat, sind überall, wo sie leben, eine Minderheit und zudem stark
marginalisiert. Sie sind är-mer als die jeweilige Mehrheitsbevölkerung, häufiger
arbeitslos, schlechter ausge-bildet und sie leben vorwiegend in eigentlichen
Ghettos. In der Slowakei zum Beispiel existieren über 600 so genannte Osady
(Slumsiedlungen), die an Elendsquartiere in lateinamerikanischen oder
afrikanischen Grossstädten erinnern. Kontakte zwischen der weissen
Mehrheitsbevölkerung und den Roma bestehen in solchen Verhältnissen kaum.
Dennoch, oder gerade deswegen, existiert ein latenter Rassismus, der immer
wieder in offene Gewalt umschlägt. ,, Die Aufgabe der Roma-Medien ist es, solche
Zustände aufzuzeigen, Probleme an-zusprechen, aber auch mit positiven Beispielen
das Selbstbewusstsein der Roma zu stärken", sagt Ivan Vesely, Vorsitzender der
Vereinigung Dzeno in Prag (Tschechien) und Kosice (Slowakei). Dzeno heisst in
der Roma-Sprache so etwas wie ,, Ehrenmann" oder „Ältester", und der soll die
Roina wieder zu ihren traditionellen Werten führen: „Das beinhaltet Offenheit,
Unabhängigkeit, Ehrgefühl und Gerechtigkeit, Respekt vor den Älteren, liebevolle
Erziehung der Jüngeren und Solidarität unter den Roma aller
Gesellschaftsschichten." Medienarbeit ist ein Weg zu diesem Ziel. Dzeno gibt
seit sechs Jahren „Amaro Gendalos" (Unser Spiegel) heraus, ein Monatsmagazin in
Tschechisch und Romanes, das erfolgreiche Roina porträtiert, kulturelle und
historische Themen abhandelt, aber auch aktuelle Probleme aufgreift. Im Jahre
2001 kam Radio Rota dazu, ein Internet-Radio, das in Romanes, Tschechisch und
Englisch Nachrichten zu Roma-Themen verbreitet. Mit einem Mini-Budget von
umgerechnet 135'000 Franken pro Jahr gestalten zwölf Leute ein Web-Magazin, das
bereits recht professionell wirkt (www.radiorota.cz). Mit Hilfe von Rrominedia.
net soll dieses Internet-Radio nun mit einem terrestrischen ergänzt werden. „Ich
glaube, ich kann Leute führen und habe mir auch journalistische Fähigkeiten
angeeignet," sagt Ivan Vesely dazu, „aber ich habe noch nie ein Radio gegründet.
Da bin ich auf das Know-how von Spezialisten angewiesen."
Vernetzung durch Information
Nena Skopljanac und Peter Kasser von der Medienhilfe können sich vorstellen,
dieses Projekt zu unterstützen. Eine Gebrauchsanleitung ,, Wie gründe ich ein
Radio?" kön-nen sie aber nicht bieten. „Die Hauptarbeit müssen die Dzeno-Leute
selber leisten. Wir können sie in rechtlichen Fragen beraten, beim Fundraising
oder wenn es um die technische Infrastruktur geht", betont Skopljanac. ,,
Wichtig ist uns auch die Ausbildung der Journalistinnen und Journalisten, eine
Ausbildung, die wenn möglich im Hause selber geschehen soll. Und immer wieder
werden wir darauf hinweisen, wie wichtig es ist, dass ein Medienprojekt mit der
Gemeinde, aus der es hervorgegangen ist, ver-bunden bleiben soll."
Radio und Fernsehen aus der Gemein-de für die Gemeinde, heisst die Devise,
aber für überregionale Themen soll auf das zu schaffende Netzwerk zugegriffen
werden können. Für Peter Kasser von der Medienhilfe ist dieser Themenaustausch
be-sonders wichtig: „Die verschiedenen Roina Gemeinden sind meist sehr isoliert.
Es ist eine Aufgabe der Medien, diese Isolation aufzubrechen, ein Bewusstsein zu
schaffen für gemeinsame Werte, gemeinsame Wurzeln, aber auch gemeinsame
Probleme. Das wird dazu führen, diese Probleme auch ef-fektiver anzupacken."
Zu wenig ausgebildete Journalistlnnen
Eines der drängendsten Probleme ist die Ausbildung. Roma mit Mittel-oder gar
Hochschulausbildung sind in der ganzen Region eine verschwindend kleine
Minderheit. Die meisten Roma-Kinder werden fast schon routinemässig in
Sonderschulen für Lernbehinderte eingewiesen, weil sie zuhause Romanes sprechen
und die lokale Mehrheitssprache kaum beherrschen. Die-sen Kindern wird damit von
Anfang an der Weg zu einer guten Ausbildung verbaut. Kein Wunder, fehlt es auch
an ausgebildeten JournalistInnen. Immer wieder gab es zwar Versuche, junge Roma
zu JournalistInnen auszubilden, doch alle Ansätze verliefen nach kurzer Zeit im
Sand. György Ke-renyi vom Budapester Radio C hofft denn auch auf eine dauerhafte
Hilfe von Rrom-media. net: ,, Wir denken daran, eine Roma Medienschule
aufzubauen. Da wäre eine verlässliche Unterstützung durch Rrommedia. net
äusserst wichtig." Das sind langfristige Pläne und ob sie sich realisieren
lassen, ist höchst ungewiss. Das drängendste Problem haben György Kerenyi und
die andern Radio-C-Leute allerdings gelöst. Seit dem 15. Juni sendet Ra-dio C
wieder sein gewohntes Programm.
Möglich macht es ein bis jetzt in der Region einmaliges Modell: Das
öffentlich-rechtliche ungarische Radio kauft von Radio C täglich eine
Programmstunde ein. Damit kann der Roma-Sender nicht nur 70 Prozent seines
Budgets decken, sondern sein Programm wenigstens teilweise im ganzen Land
ausstrahlen. „Die Zukunft von Radio C schaut nun schon viel heller aus", meint
ein zufriedener György Kerenyi. Es ist eine seltene Erfolgsmeldung. Ro-ma-Medien
haben es sonst sehr schwer. Weil Werbeeinnahmen praktisch fehlen, sind sie auf
finanzielle Unterstützung angewiesen. Die staatliche Hilfe ist aber bescheiden
und oft auch mit publizistischen Vorgaben ver-knüpft. Umso notwendiger ist die
Hilfe von privaten Stiftungen. Rrommedia. net könnte zu einer besonders
wirksamen werden.
Max Akermann ist Osteuropa-Korrespondent von Schweizer Radio DRS und lebt in
Prag.
source: Klartext 4/2003
published by: Daniela Mathis dma@medienhilfe.ch
date of release on this site //03
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