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Freie Medien? Was für ein Irrtum!Veran Matic und Veton Surroi über Zensur in der freien Marktwirtschaft und die falsche Medienpolitik des Westens im ehemaligen Jugoslawien.Das Interview führte Bernhard OdehnalDer Albaner Veton Surroi und der Serbe Veran
Matic leisteten Pionierarbeit beim Aufbau unabhängiger Medien im ehemaligen
Jugoslawien und sind heute deren wichtigste Vertreter. Surroi, 43, gründete
Mitte der 90er Jahre in Pristina die Tageszeitung Koha Ditore. Er nahm
auf albanischer Seite an den (gescheiterten) Friedensverhandlungen von
Rambouillet teil und versteckte sich während des Krieges im Kosovo vor den
serbischen Miliz während seine Mitarbeiter die Zeitung im mazedonischen Exil
herausgaben. Seit zwei Jahren leitet Surroi im Kosovo neben der Tageszeitung den
Fernsehender Koha Vision. Veran Matic, 40, gründete 1991 in Belgrad die unabhängige Radiostation B 92, die schnell zur Zielscheibe des Regimes Milosevic wurde. Mehrmals stürmte die Polizei die Redaktion. Während des Krieges wurde der Sender beschlagnahmt. Matic und seine Mitarbeiter gingen in den Untergrund und sendeten von dort via Internet und Satellit B2-92. Nach dem Krieg baute er RTV B 92 auf und zeigte den Serben zum ersten Mal westliche Dokumentationen über Massaker in Bosnien und im Kosovo. Matic und Surroi kamen auf Einladung der Schweizer
Medienhilfe Ex-Jugolsawien nach Zürich. Weltwoche: In Kroatien und Serbien sind heute
ehemalige Oppositionelle an der Macht, die lange Zeit unter Zensur und
Medienhetze litten. Fördern sie nun unabhängige Medien? Veran Matic: Jede Regierung will die Medien instrumentalisieren. Und überall gibt es Medien, die sofort vom alten zum neuen Regime überlaufen. In Belgrad loben heute jene Journalisten die Regierung am meisten, die unter Milosevic am stärksten gegen die Opposition hetzten. Diese Medien transportieren die Botschaften der Macht. Vielleicht aber stehen wir erst am Beginn eines Kräftemessen, in dem sich die Medien ihren Platz in der Gesellschaft erkämpfen. Veton Surroi: Du vergisst, dass wir nicht nur von
der Politik bedrängt werden. Überall auf dem Balkan entstand als Produkt von
Krieg, Anarchie und eines ungeregelten Marktes eine neue Schicht einflussreicher
Geschäftsleute. Sie schaffen ihre eigene Wahrheit. Radiostationen und Zeitungen
sind die schwere Artillerie der neuen «businessmeni». Und dann kommt ein
internationaler Medienexperte, bereist zwei Tage lang die Region und stellt
fest, dass es unabhängigen Medien viel besser gehe als früher. Was für ein
Irrtum! Matic: In Wahrheit gibt es eine Symbiose von Politik
und Wirtschaftseliten, um unabhängige Medien klein zu kriegen. In serbischen
Provinzstädten müssen unabhängige Radiostation zusperren, weil lokale
Wirtschaftsbosse ihr eigenes Radio machen und kleinere Unternehmen zwingen, nur
dort zu werben. Niemand schreit «Zensur». Im Kosovo könnte die Uno-Verwaltung Unmik die Medienkonzentration verhindern? Surroi: Im Kosovo gibt es eine seltsame Allianz der
politischen und ökonomischen Elite mit der Unmik. Die politische Elite braucht
eine unkritische Berichterstattung, die wirtschaftliche Elite will ihre
Verbindungen zum Untergrund verbergen. Aber Unmik will zeigen, dass die Lage im
Land immer besser wird. Die öffentlich-rechtliche Radio- und Fernsehstation RTK
transportiert diese Botschaft. Dafür erhält der Sender Subventionen der Uno
und finanzielle Unterstützungl aus der Schweiz. Die Uno will keine unabhängigen Medien im Kosovo? Surroi: Die Uno will Erfolgsmeldungen. Die bekommt sie von RTK. Und die serbische Regierung? Matic: Wir halfen der Opposition, Milosevic zu stürzen.
Kaum aber war sie an der Macht, fror die neue Regierung den medialen status quo
ein. Wer früher privilegiert war, ist es heute noch. Niemand fordert eine
Durchleuchtung der Redaktionen. In gewissem Sinn ist es für uns heute sogar
schwieriger als unter Milosevic. Damals waren wir Feinde. Man durfte uns
umbringen oder alles wegnehmen. Aber es gab auch internationale Proteste und wir
konnten weitermachen. Im neuen System gelten angeblich marktwirtschaftliche
Gesetze, doch die Ausgangspositionen sind nicht gleich. Der ehemals
Milosevic-treue Fernsehsender Pink zum Beispiel deckt 92 Prozent des
Landes mit seiner Frequenz ab. Wir erreichen 28 Prozent. Und jetzt kommt das
ausländische Kapital: die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) hat sich
bei Politika einkauft. Der ehemals staatliche Verlag besitzt 14 Zeitungen
und Zeitschriften, unter anderem die Tageszeitung Politika, ein riesiges
Bürohaus im Zentrum Belgrads, eine Druckerei und ein umfassendes Vertriebsnetz.
Und die WAZ will offenbar noch weitere Zeitungen und Druckerei kaufen. Sind Sie dagegen? Ausländische Mediengruppen haben zwar
kommerzielle, aber kaum politische Interessen in Jugoslawien. Matic: Es muss gesetzliche Regulierungen geben. Die WAZ
ist am kroatischen Fernsehen, am bulgarischen Fernsehen, an Medien in Ungarn und
in Slowenien beteiligt. Damit ist sie eine politische Macht in der Region und
sie will ihre Position weiter ausbauen. Sonst hätte sie kaum den ehemaligen
Koordinator des Balkan-Stabilitätspaktes, Bodo Hombach, in den Vorstand geholt.
Der hat überall gute Kontakte, er ist ein Freund unseres Premiers Zoran
Djindjic. Auch so schafft man Stabilität: Alle Medien in einer Hand. Willkommen auf dem freien Markt: In Westeuropa läuft es doch genau so. Matic: Hier geht es aber nicht nur um
wirtschaftliche Interessen. Bei uns haben die Medien Menschen umgebracht. Sie
waren in Kriegsverbrechen verwickelt. Nach einer ausländischen Übernahme können
sie nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden. Bei der Aufarbeitung der Vergangenheit spielen die Medien eine wichtige Rolle. Matic: B 92 bringt Dokumentationen über den Fall von Srebrenica oder die Belagerung von Sarajevo. Zur gleichen Zeit aber zeigt der staatliche Sender RTS lateinamerikanische Seifenopern. Wer arbeitet hier kommerziell, wer im öffentlichen Interesse? Surroi: Als Kohavision im Kosovo die BBC-Dokumentation
«Der Tod Jugoslawiens» ausstrahlte, spielte der Uno-Sender RTK eine
Telenovela. Und während wir jetzt mit B 92 an einer Dokumentation über
das Massaker in Suva Reka arbeiten, bereitet RTK eine grosse Bingo-Show
vor. Haben unabhängige Medien auf dem Balkan überhaupt eine Chance? Surroi: Wir müssen diese Periode der Anarchie überstehen. Danach kommt die Kommerzialisierung. Matic: Selbst das ist nicht einfach. Wir haben
gerade die amerikanische Serie «Sex and the city» einkauft, der Verleih gab
uns die Rechte für Jugoslawien. Wir wollten sie an Kohavision weitergeben,
schliesslich liegt der Kosovo laut UNO-Resolution in Jugoslawien. Aber die
Verleihfirma sagte Nein, wir hätten nur die Rechte für die Ausstrahlung in
serbischer Sprache. Surroi: Aber die Serien auf serbisch zu zeigen, wäre
im Kosovo eine politische Provokation. Matic: Und da sagt man, Sex sei eine Sprache, die alle verstehen! Wir werden die Serie auf englisch zeigen. Dann versteht sie niemand. Bernhard Odehnal ist Redakteur der
Weltwoche in Zürich. source: Bernhard Odehnal, Weltwoche
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