|
| |
Veton Surroi, Herausgeber der Tageszeitung Koha Ditore, Prishtina
Medien in Kosov@ gestern, heute, morgen
Das Thema des heutigen Abends kann man wie folgt
beschreiben: wo waren wir, wo stehen wir jetzt und wohin gehen wir?
Es ist wichtig, dass sich eine Analyse nicht auf die
Vergangenheit fixiert, auf das was geschehen ist und die Gründe dafür, sondern
auch die Gegenwart und Zukunft miteinbezieht. Doch Veränderungen brauchen Zeit.
Alte Strukturen und Probleme tendieren dazu, sich zu erhalten oder nur ganz
langsam zu verändern. Ein Witz zu diesem Thema: ein Kosova-Albaner trifft
seinen Freund. Er erzählt ihm, dass er gestern von der Polizei verprügelt
wurde. Der Freund meint: „Aber ich dachte, dass wir heutzutage eine anständige,
zivilisierte und demokratische Polizei haben!“ – „Heute vielleicht,“
sagt der andere, „aber die Bullen von gestern waren ganz schön brutal!“
Unabhängige Medien haben im Kosova eine lange Tradition,
die auf ihre Arbeit während der Unterdrückung durch das Milosevic-Regime zurückgeht.
Koha Ditore wurde beispielsweise in den 90er-Jahren gegründet – als
Wochenzeitschrift in einem besetzten Territorium.
Was taten wir damals?
-
Offene Information: In einer Gesellschaft im
‚Belagerungszustand wiederspiegeln die Medien oft die Meinung der
dominierenden politischen Kräfte. Es herrscht die Tendenz zu einer
‚monolitischen Weltsicht’, die durch den ‚Widerstandsgeist’ geprägt
wird. Das ist aber keine journalistische Haltung, denn sie lässt keine
Kritik zu. In Kosova hiess dies, dass die meisten Medien die Sicht der
Liberaldemokratischen Partei LDK von Rugova teilten, der den Albanern sagte,
dass die serbische Herrschaft bald vorüber sei und alles von alleine gut
werden würde. Aber nichts wurde gut, und wir konfrontierten die Leute mit
dieser Tatsache. Wir sagten, dass die Albaner durch das serbische Regime
unterdrückt wurden und dass sich ohne Kampf nichts ändern würde. Wir
waren also nicht nur gegenüber dem Milosevic-Regime kritisch eingestellt,
sondern auch gegenüber unserer eigenen politischen Elite
-
Regionaler Kontext: In einer Gesellschaft, die für
ihre Autonomie kämpft, konzentrieren sich die Menschen auf ihre Probleme
und nehmen die Probleme anderer überhaupt nicht wahr. Koha Ditore
versuchte, die eigene Situation in den regionalen Kontext einzubetten. Wir
informierten unsere Leserschaft über die Krisen und Kriege in Kroatien,
Bosnien, Mazedonien. Alle diese Konflikte hängen zusammen. Was in Bosnien
passiert, hat Auswirkungen auf den Kosova, und was hier geschieht, wirkt
sich auf Mazedonien aus etc. Wir haben versucht, ein Bild der regionalen
Gesamtsituation zu vermitteln.
-
Internationaler Kontext: Wenn eine Gesellschaft
unter Druck steht, sich in einer Kriegs- oder Nachkriegssituation befindet,
sieht sie meist nur ihre eigene Situation. Die Leute meinen, ihre Probleme
und Leiden seien das Wichtigste auf der Welt. Da wir während der grossen
Fluchtwelle und den Nato-Bombardierungen für ein paar Monate wirklich im
Zentrum der Aufmerksamkeit standen, warten die Menschen nun darauf, dass der
Präsident der Vereinigten Staaten sich eines morgens vom Frühstückstisch
erhebt und die Unabhängigkeit für Kosova deklariert. Aber das wird nicht
geschehen. Die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit hat sich schon wieder
neuen Konflikten zugewendet: Afghanistan, Palästinenser und Israeli,
Osttimor. In Südafrika arbeitete beispielsweise eine Wahrheitskommission,
von deren Erfahrungen wir für Kosova lernen könnten. All das haben wir
unseren Lesern nahegebracht.
Mit der Nato-Bombardierung wurde
ein Strich unter unsere Vergangenheit gezogen. Die alte Geschichte war zu Ende,
eine neue begann. Heute sehen wir uns neuen Herausforderungen gegenüber –
oder besser gesagt, den alten in einer neuen Gestalt. Momentan fordern uns drei
Entwicklungen besonders heraus:
-
Weiterhin wird politischer Druck auf Medien ausgeübt.
Die Beziehungen mit den neuen Behörden sind ziemlich angespannt, v.a. wenn
eine Zeitung diese nicht blind unterstützt, sondern auch kritisiert. Das
gilt auch für die internationale Administration, deren Mitglieder ebenfalls
gerne Kontrolle über Information ausüben.
-
In einer Gesellschaft, in der nur noch die ethnische
Identität zählt, ist es sehr schwierig, die eigene journalistische Identität
zu wahren. Wie kann ein Journalist/eine Journalistin sich zu seiner/ihrer
Nationalität bekennen und trotzdem unabhängig und objektiv bleiben, ohne
sich von ethnischen Kategorien vereinnahmen zu lassen?
-
Die dritte Gefahr droht von der neu entstandenen
wirtschaftlichen Elite. Die völlig ungeregelte Marktwirtschaft in Kosova
funktioniert wie ein ‚Wild-West-Kapitalismus’. Bei uns haben
erfolgreiche Geschäftsleute nicht in Harvard studiert, sondern sind im
Zigaretten-Schmuggel zu Geld gekommen. Diese neuen ökonomischen Eliten üben
Einfluss auf die bestehenden Medien aus – oder gründen einfach neue. Auch
der politische Einfluss wird mehr und mehr mit wirtschaftlichen Mitteln
ausgeübt, z.B. durch Druck auf Firmen, damit diese ihre Werbeaufträge nur
noch an bestimmte Medien vergeben – oder durch Steuern (die einzigen
Medien, die im Moment Steuern zahlen, sind die privaten Medien).
In Kosova, aber auch in Serbien
und anderswo, war und ist die Zivilgesellschaft den politischen Institutionen
weit voraus. Die Medien bilden einen wichtigen Bestandteil dieser
Zivilgesellschaft. Sie sind ihre Vorreiter. Indem sie sowohl gegenüber den
alten wie auch den neuen Behörden eine kritische Haltung einnehmen, fördern
sie den Prozess der Demokratisierung und des Neuaufbaus von Institutionen. Der
Kampf für unabhängige Medien ist ein wichtiges Moment im Kampf für eine
demokratischere Gesellschaft. Natürlich ist es viel leichter, eine gute Zeitung
aufzubauen als ein gutes Parlament. Aber ohne eine gute Zeitung wird es nie ein
gutes Parlament geben, denn Medien sind die Wächter der Demokratie.
Medien spielen auch im Versöhnungsprozess
eine wichtige Rolle. Sie sind fähig, die Grenzen des Hasses zu durchbrechen,
die Wahrheit ans Licht zu bringen und grundlegende Tatsachen über die
Vergangenheit bekannt zu machen. Medien können Tabus brechen und über Grenzen
hinweg zusammenarbeiten. Die Kooperation von Medien aus verschiedenen Ländern
der Region kann dazu beitragen, die alten Feindseligkeiten zu überwinden. Unser
Fernsehen Koha Vision arbeitet z.B. mit RTV B92 aus Belgrad zusammen an einem
Projekt über das Massaker von Suva Reka. Wir alleine könnten diesen
Dokumentarfilm niemals drehen, denn die Leichen wurden nach Serbien gebracht.
Auf der anderen Seite wäre es für einen serbischen Journalisten nicht möglich,
in Kosova zu arbeiten. Durch eine Zusammenarbeit können wir beide Seiten zeigen
und der Wahrheit somit ein Stück näher kommen.
source: Medienhilfe
published by: Vanda Mathis vma@medienhilfe.ch
date of release on this site (DD/MM/YY): 26/4/2002
|