medienhilfe

Friedensförderung durch Brücken der Verständigung
Peace Building through Bridges of Communication

 

 

 

Roland Salvisberg, Programmverantwortlicher Südosteuropa
EDA, Politische Abteilung für Menschliche Sicherheit

MEDIEN UND ZIVILE FRIEDENSFÖRDERUNG

  • Kontext der zivilen Friedensförderung

Die Politik und Aktivitäten der zivilen Friedensförderung der Schweiz befindet sich in einem dynamischen Entwicklungsprozess. Die einschneidenden Veränderungen der 90er Jahre in Bezug auf Konfliktakteure, Konfliktebenen und Konfliktdynamik verlangen differenzierte und aufeinander abgestimmte Ansätze der Friedenspolitik. Prioritäres Ziel der schweizerischen Friedenspolitik ist die Prävention von Gewaltkonflikten und die effektive Konfliktbearbeitung, d.h. es gilt, den Ausbruch von gewaltsamen Konflikten zu verhindern und zu tragfähigen, friedlichen Lösungen beizutragen. Ein zentraler Leitgedanke ist dabei, dass sich die Friedenspolitik an der Lebenswirklichkeit der Menschen orientiert. Das Bemühen um die Sicherheit und Bedürfnisse des Individuums, dass Menschen frei von Angst und Menschenrechtsverletzungen leben können, umschreibt der Begriff der menschlich verstandenen Sicherheit.

Zur Zeit werden unter der Federführung der Politischen Direktion des EDA Botschaften für ein Gesetz und einen Rahmenkredit für zivile Friedensförderung und Stärkung der Menschenrechte ausgearbeitet. In diesem Prozess werden bestehende und neue thematische Schwerpunkte entwickelt. Vermittlung, Menschliche Sicherheit (Kleinwaffen, Personenminen, nichtstaatliche Konfliktakteure), Menschenrechte und humanitäres Völkerrecht sowie Verfassungsfragen / Dezentralisierung / Machtteilung bilden die thematischen Schwerpunkte. Für uns hier ist dabei interessant, dass Medienunterstützung eines der Themen ist, welches in die "engere Auswahl" weiterer Schwerpunktthemen gekommen ist.  

  • Medien und Gewaltkonflikte: Spielverderber oder Friedensalliierter?

Im Positiven wie im Negativen sind Medien ein gewichtiger Faktor in jeder Friedensentwicklung. Durch ihre Macht können sie auf Gewaltkonflikte beträchtlichen Einfluss ausüben. Sie können sich mit Eliten verbünden beziehungsweise von diesen instrumentalisiert oder kontrolliert werden und somit die Stimmung im Land gezielt aufhetzen, so dass einem Ausbruch eines gewaltsamen Konflikts Vorschub geleistet wird. Während eines Konfliktes können Medien dazu beitragen, dass durch Tatsachenverfälschungen und durch Polarisierungen dieser massgeblich verlängert wird. Oder aber es können in einer Nach-Konfliktphase durch entsprechende Medienberichterstattung Friedensbemühungen gezielt unterminiert werden, so dass instabile Zustände verlängert werden, was dann wiederum regelmässig politische Kräfte der Extreme stärkt. Medien haben also die Möglichkeit, als friedenspolitische Spielverderber konfliktverschärfend und konfliktverlängernd zu wirken.

Andererseits können Medien in allen Konfliktphasen direkt und indirekt friedensfördernde Wirkungen entfalten, d.h. als Friedensalliierte konflikthemmend, konfliktverkürzend oder auch konflikttransformatorisch aufs Geschehen einwirken. Die Möglichkeit, eine solche Rolle auszuüben, ist von gewissen Rahmenbedingungen abhängig, die ein eigenständiges, freies und unabhängiges Agieren von Medienschaffenden erst ermöglichen.

Eine effektive Konfliktbearbeitungsstrategie muss sich also stets mit diesen beiden Hauptfunktionen der Medien in Bezug auf gewaltsame Konflikte auseinandersetzen. Oft haben externe friedensorienterte Akteure den Fokus allein auf die Stärkung von friedensorientierten Medien gerichtet, ohne in genügender Weise die Kräfte auf der "Spielverderber-Seite" in Betracht zu ziehen.

  • Potential der Medien in der Friedensförderung in Südosteuropa

Alle Länder Südosteuropas befinden sich in Transitionsprozessen hin zu marktwirtschaftlich orientierten, rechtsstaatlichen Demokratien und zur Integration ins politische Europa. Für diejenigen Staaten, die Gewaltkonflikte hinter sich haben, stellt der aufgezeichnete Weg eine zusätzliche, komplexe Herausforderung dar. Gerade beim Aufbau und der Stärkung demokratischer, rechtsstaatlicher Strukturen und Prozessen spielen die Medien eine zentrale Rolle, was in den operativen Tätigkeiten der zivilen Friedensförderung der Politischen Direktion entsprechend reflektiert wird. Das Ziel ist dabei, einen massgeblichen Beitrag dazu zu leisten, dass freie, kritische und professionelle Medien gestärkt werden:

  • Aus menschenrechts- wie demokratiepolitischer Sicht geht es einmal darum, einen Meinungs-Pluralismus zu unterstützen: Der Wert der Medien liegt nicht notwendigerweise darin, dass sie die eine Wahrheit offenbaren, sondern dass sie Verborgenes an den Tag bringen und Informationen liefern, die viele Wahrheiten, Perspektiven und Meinungen enthalten. 

  • Freie und glaubwürdige Medien liefern den Bürgern Informationen, die diese für ihre täglichen Entscheidungen brauchen: Informationen über Wahlen, Regierungspolitik, Wirtschaft, Kultur etc.

  • Erst die Präsenz freier und unabhängiger Medien erlaubt es, dass die Tätigkeiten von Regierung, Verwaltung und Wirtschaft überwacht werden (Watchdogfunktion). In allen Ländern Südosteuropas besteht ein immenser Bedarf, Regierungs- und Verwaltungstätigkeiten zu kontrollieren, sie rechenschaftspflichtig und transparenter zu machen. Zudem werden Unterstützungsleistungen in vielen Fällen an sog. "gute Gouvernanz" konditioniert.

  • Freie Medien sind eine Voraussetzung, dass die Respektierung der Menschenrechte effektiv überwacht werden kann. Für friedensfördernde Aktivitäten von zivilgesellschaftlicher Seite bilden die Medien oft die einzige Plattform, um ins öffentliche Bewusstsein zu gelangen.

  • m Zusammenhang mit Minderheiten ist es integrationspolitisch äusserst wichtig, dass über die Situation und Bedürfnisse der Minderheiten berichtet wird und deren Anliegen Eingang finden in den öffentlichen Diskurs. In vielen Ländern Südosteuropas müssen in einem wirtschaftlich und politisch äusserst schwierigen Umfeld einerseits sogenannte Minderheiten-Medien gestützt und gestärkt werden, andererseits gilt es aber auch, mehrsprachige Nachrichtenprogramme zu unterstützen.

  • Freie Medien haben das friedenspolitische Potential, Aktivitäten zur Vergangenheitsaufarbeitung zu thematisieren oder darüber zu berichten. In fast allen Ländern des ehemaligen Jugoslawien stellt die Vergangenheitsaufarbeitung eine riesige Herausforderung dar und ist gleichzeitig ein zentrales Element zur Befriedung der Gesellschaften so wie der langfristigen Stabilisierung der Region.

  • Schliesslich kann durch die Unterstützung und Bildung von überregionalen und pluriethnischen Medien-Netzwerken gerade in getrennten Gesellschaften ein direkter Beitrag geleistet werden, der die Toleranz und Verständigung der Menschen erhöht und diese somit auch befähigt, friedenspolitisch relevante Schritte in eine gemeinsame Zukunft zu tun.

Die operativen Friedensbemühungen der Politischen Direktion des EDA konzentrieren sich in Südosteuropa auf Bosnien und Herzegowina, Serbien und Montenegro, Kosovo und Mazedonien. Der Entwicklung eines leistungsfähigen Medienbereich wird dabei aus obigen Gründen und Funktionen grosse friedenspolitische Bedeutung beigemessen. Unsere Unterstützung ist deshalb auf mehrere Jahre angelegt und erfolgt zu einem grossen Teil über unseren Partner Medienhilfe, dem, und damit möchte ich schliessen, zu seinem zehnjährigen, erfolgreichen Bestehen herzlich gratuliert sei.

Bern, 7. April 2002

source: Medienhilfe
published by: Vanda Mathis vma@medienhilfe.ch date of release on this site (DD/MM/YY): 17/4/2002

 

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