medienhilfe

Friedensförderung durch Brücken der Verständigung
Peace Building through Bridges of Communication

 

 

 

Einfalt bedroht Vielfalt in Serbiens Medienlandschaft

EX-JUGOSLAWIEN / Der Sturz Slobodan Milosevics im Oktober 2000 hat, zumindest bis heute, noch nicht zur Etablierung starker, unabhängiger Medien in Serbien geführt. Die alten Staatssender werden nun von den neuen Machteliten kontrolliert, die unabhängigen Sender werden von einem Wildwuchs anspruchsloser Kommerzstationen bedrängt. Auch in Kosovo tun sich die unabhängigen Medien schwer, wenn auch aus anderen Gründen.

DOMINIK STRAUB

Über einen Mangel an Auswahl können sich die serbischen Medienkonsumenten nicht beklagen. Ungefähr tausend Radio- und Fernsehstationen buhlen um die Gunst der Zuhörer und Zuschauer, hinzu kommen über 2000 Zeitungen und Zeitschriften. Im Oktober 2000, als Jugoslawiens Machthaber Slobodan Milosevic in einer unblutigen Revolution gestürzt wurde, zählte man in Serbien noch rund 600 Radio- und Fernsehstationen.

Nach der Wende seien kleine und kleinste Sender «wie Pilze aus dem Boden geschossen», sagt Veran Matic, Mitbegründer und Chefredaktor des bekanntesten unabhängigen Senders B92 und Präsident der Vereinigung unabhängiger elektronischer Medien Serbiens. Doch die grosse Auswahl bedeutet keine Vielfalt: Der grösste Teil der elektronischen Medien Serbiens seien reine Kommerzsender ohne jeden Informationsgehalt, erklärte Matic an einer Veranstaltung der Medienhilfe Ex-Jugoslawien in Bern (vgl. unten).

Die Kommerzsender graben den wenigen unabhängigen Nachrichten- und Magazinsendern, die keinerlei staatliche Unterstützung geniessen und ebenfalls auf Werbeeinnahmen angewiesen sind, das Wasser ab. Zudem fanden laut Matic ehemalige Geldgeber wie der Milliardär George Soros nach der Wende in Belgrad, dass eine weitere Unterstützung der unabhängigen Medien nun ja hinfällig sei - und stellten ihre Hilfe ein.

  • Zahllose Piratensender

Ein weiteres Problem sind die illegalen Sender. Seit die Regierung von Zoran Djindjic ein Moratorium für neue TV- und Radiokonzessionen erlassen hat, entstand vor allem im Raum Belgrad eine Unzahl von Piratensendern mit oft sehr kleinem Sendegebiet, die von niemandem kontrolliert werden. Eines dieser illegalen Radios sendet in Belgrad auf der gleichen Frequenz wie Radio B92 - mit dem Resultat, dass B92 auf einen Schlag von 300'000 Hörerinnen und Hörern nicht mehr empfangen werden konnte. Veran Matic hat bei der Regierung mehrmals schriftlich interveniert, bisher ohne Erfolg.

Veran Matic zeichnet ein düsteres Bild der Mediensituation in Serbien: «Es ist ein reines Chaos.» Zwar seien offene Repressalien und Drohungen gegenüber regierungskritischen Sendern, wie sie unter Milosevic an der Tagesordnung waren, selten geworden. Die politische Öffnung und Professionalisierung der grossen Staatssender sei jedoch ebenso ausgeblieben wie eine Reform der Mediengesetzgebung. «Die alten Staatssender gibt es immer noch, in ihren alten Strukturen, nur mit neuen Herren», kritisiert Matic.

Die Umwandlung in wirklich unabhängige, öffentlich-rechtliche Radio- und TV-Anstalten stehe nach wie vor aus, was laut Matic einen einfachen Grund hat: Diejenigen Kräfte in der zerstrittenen Regierung, welche die einflussreichen Staatsmedien kontrollierten, hätten die besten Wiederwahlchancen. So seien die neuen Machthaber gar nicht an Reformen interessiert. Und die Staatssender hätten nach wie vor die meisten Zuschauer: Die sechs grössten TV-Stationen des Landes werden staatlich kontrolliert und subventioniert - und sie seien schon unter Milosevic protegiert worden. B92 ist auf der landesweiten Medienrangliste immerhin auf Rang neun zu finden.

  • Quasi-Monopol in Kosovo

Andere Sorgen als Matic hat Veton Surroi, Herausgeber der Tageszeitung «Koha Ditore» in Kosovo. In Kosovo gibt es ein knappes Dutzend Tageszeitungen, drei nationale Fernsehsender sowie rund 50 Radiostationen, was zwar angesichts der Grösse der Provinz ebenfalls enorm viel ist, jedoch nichts im Vergleich zu Serbien. Wie in Serbien hatten auch in Kosovo freie, unabhängige Medien bereits vor Kriegsende eine lange Tradition; bedroht werden diese aber nicht nur vom Wildwuchs kommerzieller Sender, sondern von der übermächtigen Stellung des von der OSZE unterstützten regierungsnahen Radio- und Fernsehsenders Kosova RTK. Dieser verfüge über ein sieben- bis achtmal grösseres Budget als die beiden privaten Stationen.

Surroi bezeichnet RTK bereits als «Elefanten im Porzellanladen», der, vielleicht ohne es zu wollen, die anderen Medien in Bedrängnis bringe. Ohne starke unabhängige Medien bestehe aber die Gefahr, dass RTK zur blossen Stimme der Regierung verkomme. Bereits müssten auch die unabhängigen Stationen mit fragwürdigen Bingospielen und Ähnlichem versuchen, sich Zuschauer und Einnahmen zu sichern.

Ein weiteres Problem sieht Surroi darin, dass internationale Organisationen und private Spender ihre Beiträge mitunter wahllos ausrichteten und diverse rein kommerzielle Sender finanziell unterstützten. Damit werde das Gegenteil dessen erreicht, was man mit der Hilfe bezwecke: Die privaten unabhängigen Medien würden weiter marginalisiert, die Medienvielfalt werde gefährdet.

Zehn Jahre Medienhilfe

dsb. Als 1992 die Kriegsbilder aus Bosnien-Herzegowina die TV-Bildschirme in der Schweiz zu dominieren begannen, fanden sich in Zürich Medienschaffende und politisch Engagierte zusammen, um nach Möglichkeiten zu suchen, der Kriegspropaganda etwas entgegenzusetzen - die Medienhilfe Ex-Jugoslawien war geboren. Sie setzt sich seit nunmehr zehn Jahren für unabhängiges und professionelles Medienschaffen in den Ländern des früheren Jugoslawien ein. Seit 1992 konnte sie Dutzenden von Zeitungen und Zeitschriften, Radio- und Fernsehstationen in ihrem Widerstand gegen Manipulation und Zensur mit finanzieller und ideeller Hilfe zur Seite stehen.

Heute ist die Medienhilfe anerkannte Partnerin in der internationalen Zusammenarbeit, etwa als Mitglied der Media Task Force des Stabilitätspakts für Südosteuropa. Seit kurzem begleitet ein Beirat von rund 50 Persönlichkeiten aus der Schweiz und dem Ausland die Arbeit der Medienhilfe.

source: Der Bund
published by: Vanda Mathis vma@medienhilfe.ch date of release on this site (DD/MM/YY): 24/4/2002

 

News & Updates

mh-info

Partners & Projects

Mailinglist

suchen / search

go to top

medienhilfe, P.O. Box, CH-8031 Zürich, Switzerland
Phone +41-1-272 46 37,  Fax +41-1-272 46 82, email: info@medienhilfe.ch